Mitteilungsblatt

Seminar AK Tracht 25./26.10.2008 Hohenstaufen

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Fast pünktlich um 14 Uhr trafen sich die Teilnehmer zum Wochenendseminar Tracht in der Jugendherberge Hohenstaufen bei Göppingen. Teilgenommen haben 21 Trachtler aus unserem Gauverband. Als Referenten hatten wir Gudrun Lorenz, Dagmar Beer, Stefan Christl und aus Weingarten Jürgen Hohl.

Begonnen hat am Samstag Stefan Christl mit dem Thema "Trachtenforschung und Bildinterpretation". Wir erfuhren sehr viel über Oberämter, Oberamtsbeschreibungen, Inventur und Teilungslisten, Württembergische Kleiderordnung von 1712 und vor allen Dingen, was man aus diesen Unterlagen herauslesen kann und wie man Trachtenforschung betreibt (Vorgehensweise). Also ein sehr spannendes Thema, bei dem die Seminarteilnehmer viel lernten.

Nach dem wohlverdienten Abendessen kam unser Referent aus Weingarten, Jürgen Hohl, mit dem wir eine offene Diskussionsrunde führten, die allen sehr viel Spaß machte und sich daher auch bis 23 Uhr hinzog. Bei dieser Diskussion erfuhren wir zum Beispiel, dass die Mode eine Hure ist oder dass das Dekollete der Frau auch Südfrüchte-Altar genannt wird. Oder der Dutt auf dem Kopf der Frauen auch Halleluja-Zwiebel heißt, die Puffärmel an den Kleidern oder Blusen Freudenhausärmel heißenund dass die meisten Männer besser Gucken als Denken können. Oder dass das Stricken erst etwa um 1870 erfunden wurde, dass die Unterhose etwa um 1825 erstmals in Erscheinung trat und den Namen Bipi trug nach der Erfinderfirma Birbaue Prinen. Und der Hosenträger Ende des 17. Jahrhunderts auf den Markt kam und dass 1 Gulden dem heutigen Wert von 100 - 120 € entspricht. Ich könnte die Aufzählung noch unendlich fortsetzen - so viel wusste Jürgen Hohl auf unsere Fragen zu antworten. Aber wir hatten ja auch noch den Sonntag.

Am Samstagabend wurde nach Seminarende in den gemütlichen Teil übergegangen, der sich bis in die frühen Morgenstunden des Sonntags hinzog - war ja kein Problem: wir konnten ja Dank der Zeitumstellung eine Stunde länger schlafen und so trafen wir uns auch dann pünktlich um 8 Uhr zum Frühstück und konnten um 9 Uhr 30 unser Seminar fortsetzen.

Es kam das Thema "Trachtenteile und deren Funktion", das uns unsere Referentin Gudrun Lorenz zu Gehör brachte und durch Bilder demonstrierte - von der Renaissance bis zur Spanischen Mode, Barock, Rokoko und so weiter. Wir sahen wunderschöne Bilder und Gemälde, auf denen man viel von der Trachtenvielfalt erkennen konnte und auch einiges über altersgerechtes Tragen von Trachten und über Funktionen von Trachtenteilen erfuhr. Der Vortrag von Gudrun war eine große Bereicherung für unser Seminar.

Ab der zweiten Vormittagshälfte stellte dann unsere Referentin Dagmar Beer die Miesbacher Tracht in der Historie und der Neuzeit dar. Man sah einige Gebirgstrachtler staunen über das, was da alles zu Tage kam. So erfuhren wir zum Beispiel, dass die Miesbacher Tracht zwischen Isar und Inn und zwischen der bayrisch-tirolerischen Grenze und München zuhause war - also nicht nur in Miesbach selbst. Auch erfuhren wir, dass die Miesbacher Tracht durch enge Beziehungen zu den Nachbargebieten Tirol, Inntal, Chiemgau, Werdenfelser Land, Loisachgebiet und die Residenzstadt München beeinflusst wurde. Die Tracht war also kein Urgestein aus dieser Region, sondern bildete sich erst durch Einflüsse von außen heraus. Vor allen Dingen erfuhren wir, dass eine Tracht nur eine Momentaufnahme sein kann. Es ist eine Auswahl der Form der Kleidung aus einer bestimmten Zeit, einem bestimmten Gebiet oder Ort ausgewählt. Zur gleichen Zeit am selben Ort bzw. der selben Person gab es noch viele andere Varianten der Tracht.

Durch die Trachtenvereine und Verbände wurde etwa ab 1900 die Tracht auf eine Form festgelegt. Ich würde es fast als Uniform bezeichnen, was Tracht allerdings auf keinen Fall sein kann. Vorschriften für das Tragen der Tracht wurden ins Leben gerufen. Dadurch verschwanden leider viele andere Trachtenformen und Varianten der Tracht. Die Vereinstracht entstand und wurde gefördert zur Erkennbarkeit und zur Identifikation der einzelnen Vereine. Die totale Uniformierung wurde vor allem in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts forciert - auch von unseren Vereinen. Ich bin der Meinung - und darin unterstützt mich unser AK Tracht zu 100 Prozent - dass wir von dieser blödsinnigen Einstellung wegkommen sollten, um unsere wunderschönen Trachten in Ihrer Vielfalt und Farbenfreude wieder aufleben zu lassen. So zeigen wir uns als lebendige Trachtler und nicht als Museumspuppen. Wir würden uns sehr darüber freuen. Macht euch alle mal Gedanken darüber und nicht gleich Schimpfen. Danke.

So, und nun bedanke ich mich bei unseren Referenten für Ihre super Arbeit, die sie in den beiden Tagen geleistet haben und natürlich bei allen Teilnehmern, ohne die diese Veranstaltung nicht möglich gewesen wäre.

Walter Holzleiter, AK Tracht